TRIPTYCHON

Musik zu TRIAS –
3 Gedichten von Nora Gomringer

für SprecherIn und Ensemble [2025] | Dauer: 15’00“

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ Dieses folgenschwere Urteil von Theodor W. Adorno ist als Reaktion aus der unmittelbaren Nachkriegszeit nur allzu verständlich: Die Allgegenwart des NS-Grauens hat einem den Atem verschlagen.

Heute, bald hundert Jahre danach, haben weite Teile unserer Gesellschaft Geschichtsbewusstsein und Kenntnis unserer Vergangenheit eingebüßt und die Bereitschaft verloren, Fakten anzuerkennen. In Zeiten von „Fake News“ und Verschwörungstheorien ist es eine vorrangige Aufgabe der Kunst, Erinnerungen an Geschehenes wachzuhalten und zu mahnen. So gesehen scheint es mir inzwischen legitim, das Schweigegebot Adornos umzudeuten. Ich hoffe, dass mir dies mit meiner Musik ebenso gelungen ist wie Nora Gomringer mit ihren drei behutsam verstörenden Gedichten zum Unfassbaren.

Die Musik zu den drei TRIAS-Gedichten versteht sich nicht als Textvertonung, sondern vielmehr als musikalische Umrahmung der in Sprache gefassten Bilder und Bezüge, welche zunächst den Blick auf unscheinbare, nebensächlich anmutende Begebenheiten lenken und erst allmählich, geradezu zaghaft, das abgründige Shoah-Geschehen als Bezugspunkt offenbaren. Im Bemühen, dabei jede Form von illustrativer Attitüde zu vermeiden, verhält sich die Musik zu den Texten eher antagonistisch-komplementär und beschwört Voraussetzungen und Umfeld des Geschilderten. In den Zwischenspielen freilich und hie und da, an einigen charakteristischen Momenten, verselbständigt sie sich und reagiert autonom auf den Text. In besonderer Weise gilt das für das Nachspiel, welches als expressives „Lamento“ einen ausklingenden offenen Kommentar bildet.

Konkret repräsentieren im ersten Gedicht harte, schrille Akkordfolgen „schmerzhafte Widerhaken“ als Sinnbilder von Feindseligkeit und Aggression; im zweiten Gedicht formen sich aleatorisch organisierte Bewegungsmuster zu Klangfeldern, die Stress und Druck erzeugen; und im dritten Gedicht spiegeln „hohle“ Geräuschklänge und verzerrte Dreiklangsharmonien Täuschung und Hypokrisie einer Gesellschaft wider, die immer alles richtig gemacht haben will.

M.L.

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