Messe nach Psalmentexten

Fassung für Männerchor, 8 Solobläser und Orgel [1999] | Dauer: 31’00”

Ursprünglich für Männerchor konzipiert, ist die Psalmenmesse als Auftragswerk des Tiroler Sängerbundes ihrer Bestimmung nach zunächst Gebrauchsmusik, freilich im besten Sinn des Wortes. In erster Linie ging es um einen Impuls zur Repertoireerweiterung im Bereich zeitgenössischer Chorliteratur, wie sie insbesondere in größeren Gemeinden praktiziert wird. Dementsprechend waren die Rahmenbedingungen von Anfang an klar: mittelschwere technische wie musikalische Anforderungen an eine Chor- und Instrumentalbesetzung, wie sie der aktuellen Kirchenmusikpraxis im deutschen Sprachraum entspricht.

Die Messe ist ein Versuch, die Einschränkungen dieser Rahmenbedingungen mit den Ansprüchen eines zeitgemäßen musikalischen Vokabulars zu verbinden. Mit “zeitgemäß” ist in diesem Zusammenhang die Technik gemeint, Elemente der Stilistik des 19. Jahrhunderts, die ja in der gegenwärtigen Kirchenmusikpraxis nach wie vor eine dominierende Rolle spielt, aufzugreifen und in Zusammenhänge zu stellen, wie sie für die Musik des 20./21. Jahrhunderts charakteristisch sind. Hierbei nimmt in dieser Messe der Dreiklang eine zentrale Bedeutung an. Der Chorpart ist durchgehend dreiklangsbetont, die Verbindung der Dreiklänge einerseits und ihre instrumentale Einfärbung durch charakteristische Dissonanzen andererseits geben der Musik ihre “zeitgenössische” Farbe.

In der Großdisposition war ich um größtmögliche Flexibilität bemüht. Die zehn Messteile sind in ihrer liturgischen Bestimmung absolut modular und nur in zweiter Linie als Zyklus zu verstehen. Einzelne Teile können durchaus weggelassen, auch kann eine andere Reihenfolge gewählt werden (z.B. die mögliche Umstellung Opferung/Benedictus). Als Kern der Messe sind die Teile Eröffnung – Gloria – Sanctus – Schluss anzusehen, insbesondere das Gloria und Sanctus können aber auch als einzelne Teile, etwa als Abschluss einer anderen musikalischen Mess¬gestaltung, herangezogen werden. Für die alleinige Aufführung der Orgel¬toccata ist die gesonderte Fassung mit Introduktion zu wählen.

Der Orgelpart knüpft an die colla-parte-Tradition klassischer Messen an und versteht sich mit wenigen Ausnahmen vorwiegend als Stütze der Streicher. Die Registrierung ist bewusst abstrakt gehalten; die wenigen Angaben sind als Anregung, nicht als Einschränkung zu verstehen.  

Die Wahl der Texte geschah durchaus absichtsvoll: Hier trifft sich orientalische Poesie mit europäischer Religiosität. Der ökumenische und multikulturelle Hintergrund schien mir in der Sprache Martin Luthers am eindrucksvollsten wiedergegeben.

Martin Lichtfuss

Zu neuer Kirchenmusik allgemein:

Wenn von “Neuer Kirchenmusik” gesprochen wird, so kommt wohl den Wenigsten in den Sinn, dass “Kirche” und “Neue Musik” Wesentliches gemein haben – und wohl mehr, als ihnen lieb ist: Sie tragen beide verhängnisvolle “Erbsünden” mit sich. Diese entfalten ihre Wirkung darin, dass sich die Mehrheit der Menschen unserer Gesellschaft geradezu reflexartig abwendet, sobald von “Kirche” oder “Neuer Musik” die Rede ist…

Soll man als Komponist Neuer Kirchenmusik durch Festhalten an etablierten Hörerwartungen eines einschlägigen Fachpublikums – einer mehr oder weniger eingeschworenen Minderheit – auch noch die letzten Kirchenbesucher davonscheuchen? Oder besteht die Aufgabe einer Kirchenmusik nicht eher darin, Menschen anzulocken und zum Kirchenbesuch zu “verführen” – etwa, indem man zulässt, dass Neue Musik, ungeachtet der Frage, welcher Materialien sie sich bedient, auch “schön” sein darf?

Für einen grundsätzlich aufgeschlossenen Hörer sollte die schillernde Buntheit etwa eines Clusters mit der Farbigkeit eines Dreiklangs durchaus korrespondieren können. Oder sich der Zauber einer Melodie vielleicht auch bei Flageolettklängen entfalten.

Die Anwendung von auf breiter Basis verständlichen und akzeptierten Klangmitteln bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung künstlerischer Ansprüche, wie sie im Umfeld der Neuen Musik vorauszusetzen sind, mutet als “Quadratur des Kreises” an. Aber gibt es denn eine wichtigere Bestimmung der Kunst als jene, nach Utopien zu streben? 

Martin Lichtfuss

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